Der Schaum der Tage

“Der Schaum der Tage” von Edison Denisov
Dieses Wochenende feierte die erste gemeinsame Neuproduktion des Intendanten Jossi Wieler und des neuen Generalmusikdirektors Sylvain Cambreling am Staatstheater Stuttgart Premiere. Die bloße Nennung des Stücktitels dürfte jedoch bei vielen Opernfreunde Verwunderung ausgelöst haben: “L’écume des jours – Der Schaum der Tage” von Edison Denisov.

Autor: Volkmar Fischer

Eine Frau, die bei einem Mann blitzartig Liebe und Begehren auslöst, wird von ihm als erstes kaum die Frage zu hören bekommen, ob sie “von Duke Ellington arrangiert” sei. In einem Roman oder einer Oper kann so etwas natürlich schon passieren, wenn die Frau den Mann allein durch ihren Namen Chloé unmittelbar an Duke Ellington und seinen Foxtrott “Chloé”  denken lässt.

Chiffre des Todes
Es versteht sich, dass der Hit dann auch sofort erklingt, in dieser Oper, die an einer anderen Stelle ebenso ungeniert Wagners “Tristan” zitiert. Puccinis “Bohème” wiederum steht den ganzen Abend Pate, Stichwort Paris, Stichwort Jeunesse dorée. Eine tödliche Lungenkrankheit ist das Schicksal von Chloé, ganz ähnlich wie das von Mimi. Den “Schaum der Tage” als Chiffre des Todes inmitten blühenden Lebens hat der Existentialist Boris Vian schon kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs beschworen, bevor Edison Denisov in den 80er Jahren eine Oper daraus machte.

Das Regieteam Jossi Wieler und Sergio Morabito und sein Bühnenbildner Jens Kilian setzen das Stück mit lächelnder Ironie um, auch dort, wo es sozialkritisch wird. Man blickt in den dunkel getäfelten Nebenraum eines Restaurants, mit gedeckten Tischen und gepolsterter Sitzbank. Transparente Flurkacheln im Hintergrund werden zur Projektionswand für schemenhafte Traumsequenzen, eine Attraktion seitlich ist das sogenannte Pianocktail, das auf Tastendruck Alkoholisches zur Konsumation ausspuckt.

An Oberammergau muss keiner denken, sobald sich Christus persönlich mit Dornenkrone und Lendenschurz einmischt. Der Schlusseffekt gilt unvermittelt auftretenden blinden Internatskindern, die sich auf einem Laufband mühevoll vorwärts bewegen und doch auf der Stelle treten.

Sylvain Cambreling koordiniert ein glänzendes Ensemble mit Ed Lyon und Rebecca von Lipinski an der Spitze. Das Stuttgarter Staatsorchester bleibt gelassen, angesichts schwindelerregender Stilvielfalt, schwerelos transparenter Kontrapunktik und gregorianischem Choral, Jazz und Musical. Saxophone und E-Gitarre finden sich im Orchester nebst massivem Schlagzeug mit Glocken. Die Operngeschichte der letzten 50 Jahre hat eben doch mehr zu bieten als man glaubt. Bis zum Saisonende stehen noch einige Werke Denisovs in Stuttgart an, bis hin zum Liedzyklus mit dem Titel “Auf dem Schneescheiterhaufen”.

Fonte: Br Klassik

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