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Italien führt die Euthanasie ein und die Kirche schweigt mal wieder

Die italienischen Regierungen Renzi-Gentiloni [beide gehören den Linksdemokraten an] werden in die Geschichte eingehen als jene, die zwei der unglückseligsten Gesetze erlassen haben: die homosexuelle Pseudo-Ehe unter der Bezeichnung „Eingetragene Partnerschaft“ (20. Mai 2016) und die Euthanasie unter der Bezeichnung „Biologisches Testament“ oder „DAT“ (Patientenverfügung), beschlossen in letztere Lesung von Senat am 14. Dezember 2017. Dieses Gesetz wird im Amtsblatt der Republik im 40. Jahr der Abtreibungslegalisierung, erfolgt mit dem Staatsgesetz Nr. 194 vom 22. Mai 1978, veröffentlicht werden. Der Kreis schließt sich damit.

40 Jahre der Aggression gegen das Leben und gegen die Familie von der Abtreibung bis zu Euthanasie. Der Weg führt dabei über die Eingetragenen Partnerschaften und das verkürzte Scheidungsverfahren. Es ist daran zu erinnern, daß das Abtreibungsgesetz von Ministerpräsident Giulio Andreotti und Staatspräsident Giovanni Leone unterzeichnet wurde, beide waren Christdemokraten. Das Euthanasiegesetz wird von Ministerpräsident Paolo Gentiloni, einem Katholiken, unterzeichnet, und von Staatspräsident Sergio Mattarella, ebenfalls ein Katholik und ehemaliger christdemokratischer Abgeordneter. Keiner von ihnen wird die Pflicht verspüren, jene Verweigerung aus Gewissensgründen geltend zu machen, die vom Kleinen Haus der Göttlichen Vorsehung, besser bekannt als Cottolengo1), mutig angekündigt wurde. Der Generalobere der Einrichtung, Don Carmine Arice erklärte:

„Wir können nichts praktizieren, was gegen das Evangelium ist, schade, daß im Gesetz keine Möglichkeit der Verweigerung aus Gewissensgründen enthalten ist. Dann werden wir eben vor Gericht gestellt, den in einem möglichen Konflikt zwischen dem Gesetz und dem Evangelium, haben wir dem Evangelium zu folgen.“

Don Arice erklärte weiter,

„auf einen Todeswunsch kann unsere Einrichtung nicht positiv reagieren. Derzeit ist eine Verweigerung aus Gewissensgründen für private Pflege- und Gesundheitseinrichtungen nicht vorgesehen. Ich bin aber überzeugt, daß wir nach unserem Gewissen einem Todeswunsch nicht entsprechen können. Daher werden wir alle sich daraus ergebenden Konsequenzen tragen“ (La Stampa, 15. Dezember 2017).

Zum Verrat der katholischen Politiker gesellt sich noch ein zweiter. 1978 entstand nach der Verabschiedung des Abtreibungsgesetzes, gefördert von der Italienischen Bischofskonferenz, der Movimento per la Vita(MplV,„Bewegung für das Leben – Italien“). Offizieller Zweck der Vereinigung war es, der Verteidigung des Lebens eine Stimme zu geben. In Wirklichkeit bestand der eigentliche Auftrag, den die Bischöfe dieser Bewegung anvertrauten, darin, das Entstehen einer wirklichen Lebensrechtsbewegung wie jener in den USA zu verhindern. Das war ab dem Jahr 1981 klar, als der MplV ein Referendum initiierte, mit dem das Abtreibungsgesetz 194 abgeschafft werden sollte, aber die therapeutische Abtreibung während der gesamten Schwangerschaft, die öffentliche Finanzierung der legalen Abtreibungen, der Abtreibungszwang für Krankenhäuser, die kostenlose Verteilung von Verhütungsmitteln, auch solche mit abtreibender Wirkung, durch die staatlichen Beratungsstelle an minderjährige Mädchen bleiben sollten. Die Volksabstimmung, bei der sich kohärente Katholiken enthalten mußten, fand am 17. Mai 1981 statt und wurde zum Debakel des MplV. Sie war der Beginn der „Strategie des kleineren Übels“, die von einem Nachgeben zum anderen zum heutigen Karfreit2) führte.

Der Rechtsphilosoph Mario Palmaro schrieb am 1. Mai 2013 in einem denkwürdigen Artikel in der Internettageszeitung La Nuova Bussola Quotidiana:

„Gemäß dieser Strategie dürfen sich die Katholiken in der Politik und die hinter ihnen stehenden Medien nicht länger darauf ‚beschränken‘ (sic), die nicht verhandelbaren Grundsätze zu bekunden und sich Gesetzesinitiativen zu widersetzen, die sie leugnen, sondern müssen selbst Gesetzesinitiativen starten und Gesetze fördern, die diese Grundsätze nur zum Teil vertreten, aber dadurch schlechtere Gesetze verhindern. (…) Jemand könnte sich fragen, ob diese ‚Doktrin des kleineren Übels‘ zumindest Ergebnisse erbringt? Ja: die Katastrophe.“

Francesco Agnoli hatte daher nicht Unrecht, wenn er in seinem Buch „Geschichte der Bewegung für das Leben. Zwischen Heldentum und Nachgiebigkeit“ (2010)3) die Widersprüche und Zweideutigkeiten des MplV und vor allem von Carlo Casini offenlegte, der 25 Jahre lang Vorsitzender war, bis ihm 2015 Gian Luigi Gigli nachfolgte.

Casini war 30 Jahre christdemokratischer Abgeordneter im Italienischen und im Europäischen Parlament. Ab 2009 gehörte er der Strömung der christdemokratischen Volkspartei an, die alle Regierungen von Monti über Letta und Renzi bis Gentiloni unterstützte. Wie könnten aber Figuren frei und unabhängig handeln, die gleich zwei Mächten unterworfen sind: einmal den jeweiligen Parteien, denen sie angehören, und zugleich der Italienischen Bischofskonferenz, dank deren Finanzierung der MplV gedeiht (und stirbt?).

Und wenn der MplV gegen die Patientenverfügung keinen Widerstand geleistet hat, was ist dann erst von der Italienischen Bischofskonferenz zu sagen, und besonders von ihrem Generalsekretär Bischof Nunzio Galantino? Den wahren Feind sieht er Galantino nicht in der Euthanasie, sondern in der „therapeutischen Verbissenheit“. Daher hofft er, „daß manche langsam draufkommt, daß die Kirche weniger maßregelnd ist, als man von ihr behauptet“ (Avvenire, 18. November 2017).

Der Erzbischof von Triest, Giampaolo Crepaldi, einer der wenigen Oberhirten, der sich offen gegen das Gesetz ausgesprochen hat, verwies auf das Klima der Gleichgültigkeit, vor allem von Seiten der katholischen Welt, in dem die „Patientenverfügung“ beschlossen wurde.

„Breite Teile von ihr haben sich dem Einsatz zur Verteidigung von so grundlegenden Werten wie der Menschenwürde entzogen, ängstlich vielleicht Mauern statt Brücken zu bauen. Aber die Brücken, die nicht auf der Wahrheit errichtet sind, halten nicht stand.“

Der Schweizer Vatikanist Giuseppe Rusconi schrieb zu den Worten von Erzbischof Crepaldi über

„die schwere Verantwortung von großen Teilen der katholischen Hierarchie, die öffentlich eine diffuse Gleichgültigkeit zu einem Gesetzentwurf gezeigt haben, der so unheilvoll für die Menschenwürde ist. Ein Verhalten, das in völligem Widerspruch zur Soziallehre der Kirche ist. Eine schwerwiegende Verantwortung tragen auch große Teile des sogenannten katholischen Verbandswesens, die ihre Grundsätze verraten haben. Eine schwerwiegende Verantwortung tragen auch große Teile der sogenannten katholischen Medien Italiens, der Avvenire an der Spitze, die sofort, wenn auch versteckt hinter dem einen oder anderen dem Anschein nach kämpferischen Titel, die weiße Fahne gehißt haben“ (rossoporpora.org, 15. Dezember 2017).

Die Tageszeitung Avvenire hängt von der Italienischen Bischofskonferenz ab, deren Generalsekretär, Msgr. Galantino, ein Vertrauensmann von Papst Franziskus ist. Und die Worte von Papst Franziskus zum Lebensende, die er am 19. November an die Mitglieder der Päpstlichen Akademie für das Leben richtete, wurden von allen als eine „offene Tür“ für jene Form der Euthanasie verstanden, wie sie die Patientenverfügung darstellt.

Diese Worte des Papstes seien notwendig gewesen, so Corrado Augias4)

„um die letzten Widerstände von einigen Katholiken zu brechen und wahrscheinlich zumindest einen Teil davon zu überzeugen, ihre Zustimmung zu geben“ (La Repubblica, 16. Dezember 2017).

Auf die Frage, ob die Worte von Papst Bergoglio eine Öffnung zugunsten des Lebensende-Gesetzes seien, antworte Msgr. Galantino:

„Ich bin kein Politiker, aber ich hoffe, daß die Politiker ihre Pflicht tun und nicht nur zu diesem Aspekt“ (Avvenire s.o.).

Wem im übrigen, wenn nicht dem regierenden Papst verdankt man den Appell „Brücken zu bauen, wo sich Mauern erheben“ (Generalaudienz, 25. Februar 2017)? Die Mauern sind alle eingerissen und die Brücken errichtet: Das Ergebnis ist, wie Erzbischof Crepaldi feststellte, daß „eine libertäre Ideologie gesiegt hat, die sich im Gewissen vieler Abgeordneter widerspiegelt, und die letztlich nihilistisch ist. So geht Italien einer finsteren Zukunft entgegen, die auf einer aufgezehrten Freiheit gründet und ohne Hoffnung ist“.

Papst Bergoglio und große Teile der katholischen Welt haben zusammen mit Paolo Gentiloni und Matteo Renzi die moralische Verantwortung für dieses Gesetz zu tragen. Aber nichts, was in der Geschichte geschieht, ist dem Urteil Gottes entzogen, der die Verantwortlichen für die Skandale in der Zeit und in der Ewigkeit bestraft. Nur indem wir uns an das die höchste Gerechtigkeit des Herren erinnern, werden wir an seine unendliche Barmherzigkeit appellieren können, um unserer Nation die verdienten Strafen zu ersparen.

 

Roberto de Mattei

Katholisches