Fall Viganò: Der Erzbischof und sein Doppelgänger - Corrispondenza romana
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Fall Viganò: Der Erzbischof und sein Doppelgänger

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Er lag schon einige Zeit in der Luft, nun ist er da, der Konflikt innerhalb der „Welt der Tradition“, um eine Formulierung eines der beiden Kontrahenten aufzugreifen. Beide sind hochverdient. Sie bedürfen keiner weiteren Vorstellung. Auf der einen Seite steht der Historiker und Publizist Prof. Roberto de Mattei, auf der der anderen der Apostolische Nuntius i. R. Erzbischof Carlo Maria Viganò. Die Bruchlinie folgt jener, die seit über einem Jahr ganze Völker, Vereine und Familien spaltet. Der Spaltpilz ist der „Coronadreck“, um den Spieler einer Nationalelf zu zitieren, die gerade an der verspäteten EM 2020 teilnimmt – verspätet wegen Corona . Das Problem ist offenbar nicht das Coronavirus selbst, das vor 17 Monaten in die Schlagzeilen kam, gleichgültig ob es als Laune der Natur oder in einem Labor entstanden ist. In der Labor-These, die nun immer weitere Kreise zieht, sind sich Prof. de Mattei und Msgr. Viganò schon seit einem Jahr einig. Das Problem, das sie trennt, sind der Umgang mit dem SARS-CoV‑2 und die Maßnahmen, die von den verschiedenen Regierungen dagegen ergriffen wurden. Prof. de Mattei folgt weitgehend dem offiziellen Corona-Narrativ von Regierung und WHO, während Erzbischof Viganò einer der vehementesten Kritiker desselben ist. Er beschränkt sich dabei nicht darauf, Ungereimtheiten und Widersprüchlichkeiten aufzuzeigen und eine klärende Antwort von den Entscheidungsträgern einzufordern. Er gibt vielmehr selbst die Antwort mit dem Hinweis, daß die Verantwortlichen diese nicht preisgeben würden, weil sie die wahren Absichten hinter den Corona-Maßnahmen verschleiern und geheimhalten wollen.
In den vergangenen Wochen wurde die Stimmung zwischen beiden Seiten gereizter. Prof. de Mattei veröffentlichte nun einen direkten Angriff gegen Erzbischof Viganò, der inzwischen darauf reagierte. Katholisches.info dokumentiert den bedauerlichen Schlagabtausch, der in einem Moment erfolgt, da sich noch ganz andere Gewitterwolken über der Kirche zusammenbrauen, in zwei getrennten Veröffentlichungen. Vorboten des drohenden Gewitters sind die „Neuinterpretation“ des Motu proprio Summorum Pontificum und das Zelebrationsverbot, das Kardinal Christoph Schönborn gestern Weihbischof Athanasius Schneider in Wien auferlegte, um nur zwei zu nennen.
Zunächst, der Chronologie folgend, also der Angriff von Prof. de Mattei.

Fall Viganò: Der Erzbischof und sein Doppelgänger

Von Roberto de Mattei*

Das Pontifikat von Papst Franziskus neigt sich dem Ende zu, wie viele jetzt zugeben, aber ein Abgesang kann stürmisch sein und niemand weiß, wie finster die folgende Nacht sein wird, bevor endlich die Morgendämmerung anbricht.

Der Verzicht auf die Erzdiözese München durch Kardinal Marx ist eines der Zeichen des aufziehenden Sturms, aber es gibt eine weitere drohende Wolke, die umso beunruhigender ist, als sie nicht vom Wind des Progressismus, sondern vom Wind des sogenannten Traditionalismus getragen wird. Die Wolke hat die Gestalt, wenn nicht die Identität eines berühmten Prälaten: Msgr. Carlo Maria Viganò, Titularerzbischof von Ulpiana und ehemaliger apostolischer Nuntius in den Vereinigten Staaten. Was passiert derzeit?


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Msgr. Viganò ist ein Erzbischof, der sich, immer mit Großzügigkeit und Hingabe, im Dienste der Kirche hervorgetan hat. Nach einer brillanten Karriere als Diplomat war er von 2009 bis 2011 Sekretär des Gouvernatorats der Vatikanstadt, wo er sich viele zum Feind machte, wegen der Entscheidung, mit der er eingriff, um die ökonomischen Verhältnisse des Heiligen Stuhls wiederherzustellen. 2011 ernannte ihn Benedikt XVI. zum Apostolischen Nuntius in den Vereinigten Staaten von Amerika. Dieses Amt bekleidete er auf brillante Weise bis zum 12. April 2016, als Papst Franziskus mit Vollendung seines 75. Lebensjahres seinen Rücktritt annahm. Wie Msgr. Viganò bekanntgab, wurde er am 23. Juni 2013 vom neuen Papst empfangen, den er mit der ihm eigenen Offenheit über die katastrophalen Verhältnisse von einem Teil des Klerus in den Vereinigten Staaten, unter besonderer Bezugnahme auf den Fall von Kardinal McCarrick, informierte.

Der Papst hörte ihm zu, unternahm aber nichts, sondern ließ es vielmehr zu, daß sich die Lage verschlimmerte. Das bergoglianische Pontifikat erreichte den Höhepunkt seiner Krise nach der Verkündung des nachsynodalen Schreibens Amoris Laetitia vom 19. März 2016. Msgr. Viganòs Besorgnis wuchs und er näherte sich jenen Katholiken an, die Papst Franziskus einen Geist des loyalen Widerstands entgegensetzten. Schließlich veröffentlichte der ehemalige Nuntius in den USA am 22. August 2018 ein dramatisches Zeugnis, in dem er die Existenz eines Korruptionsnetzwerks in der Kirche ans Licht und die obersten kirchlichen Autoritäten damit in Zusammenhang brachte.  Die Enthüllungen von Msgr. Viganò wurden nie dementiert, vielmehr durch die Maßnahmen bestätigt, die von Papst Franziskus gegen Kardinal McCarrick ergriffen wurden.  Aus Angst um seine Sicherheit, aber auch um Zurückhaltung zu wahren, zog sich Msgr. Viganò an einen geheimen Ort zurück, wo er sich noch immer aufhält. Auf die erste mutige Erklärung folgten weitere Stellungnahmen, vom Dokument Scio cui credidi vom 28. September 2018 bis zum langen Interview mit der Washington Post vom 10. Juni 2019. Charakteristisch für diese Wortmeldungen war, daß sie selten und inhaltlich klar umrissen waren.  Msgr. Viganò sprach mit Einfachheit und Vornehmheit der Sprache, aber mit Nachdruck, doch er sprach nur von dem, was er direkt kannte. Darauf beruhte seine Glaubwürdigkeit.

Im Jahr 2020, dem Jahr der Pandemie, änderte sich unerwartet etwas und ein neuer Msgr. Viganò trat ins Rampenlicht. Wenn wir von einem „neuen“ Msgr. Viganò sprechen, beziehen wir uns natürlich nicht auf seine Privatperson, sondern auf seine öffentliche Identität, die uns durch eine Flut von Stellungnahmen entgegentritt, die er zu veröffentlichen begann und deren erste der Aufruf gegen die „Neue Weltordnung“ vom 8. Mai 2020 war. Dieser Appell löste erhebliche Fragen in den ihm nahestehenden Kreisen aus, sodaß einige seiner Freunde und Bewunderer sich gedrängt fühlten, ihn nicht zu unterschreiben. In den immer zahlreicheren Erklärungen, die er veröffentlichte, wurde der Ton bombastischer und sarkastischer und die Themen weiteten sich auf den theologischen und liturgischen Bereich aus, in denen er sich immer für unzuständig erklärt hatte, bis er sogar geopolitische und geschichtsphilosophische Überlegungen anstellte, die seiner Denk- und Ausdrucksweise fremd sind. Zwei Themen, die den Traditionalisten am Herzen liegen, wie die Liturgie und das Zweite Vatikanische Konzil, wurden zu seinem Steckenpferd in einem geschichtsphilosophischen Rahmen, der von der Idee eines „Great Reset“ beherrscht sind, der durch Gesundheitsdiktatur und Massenimpfung zur Ausrottung der Menschheit führen würde. Papst Franziskus, allgemein als „Bergoglio“ bezeichnet, sei einer der Architekten dieses Plans.


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Für jene, die ihn besser kannten oder seine Reden mit größerer Aufmerksamkeit verfolgten, fielen umgehend die Unterschiede zwischen den Aussagen von Msgr. Viganò von 2020/2021 und von 2018/2019 auf. Es stellt sich immer stärker die Frage: Ist Erzbischof Viganò wirklich der Autor der Texte des vergangenen Jahres?

An dieser Stelle muß eine Klarstellung erfolgen. Der Einsatz von Mitarbeitern zur Ausarbeitung der eigenen Reden hat nichts Beklagenswertes. Päpste und Staatsoberhäupter bedienen sich in der Regel sogenannter „Ghostwriter“, die in ihrem Auftrag recherchieren oder Ideen, die sie ihnen vorgeben, schriftlich ausarbeiten. Auch Sportler und Schauspieler vertrauen ihre Bücher und Memoiren oft Journalisten an.

Dabei ist jedoch auf zwei Risiken zu achten. Erstens übernimmt derjenige, der einen Text unterschreibt, ob er nun Autor ist oder nicht, die Verantwortung für ihn, sowohl hinsichtlich der Form als auch des Inhalts, und er muss sehr darauf achten, dass sein Denken und seine Sprache nicht falsch dargestellt werden.


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Zweitens, wer die Autorenschaft eines Textes übernimmt, sollte dem, der ihn schreibt, klare Hinweise geben, damit dieser sein Arm und nicht sein Kopf ist. Es wäre nämlich gefährlich, wenn der „Ghostwriter“ den Gedankengang des Unterzeichners des Textes bestimmen würde. Das kann passieren, wenn der unsichtbare Autor sich aufgrund einer größeren Kompetenz oder stärkeren Persönlichkeit über den sichtbaren stellt.

Noch gefährlicher wäre die Situation, wenn ein Abhängigkeitsverhältnis entstehen würde, sodaß der sichtbare Autor nicht auf den unsichtbaren verzichten könnte und der unsichtbare beispielsweise verschwindet oder inakzeptable Inhalte aufzwingen möchte, was für den sichtbaren Autor eine dramatische „Kommunikationslücke“ zur Folge hätte.

Die Frage, die wir uns stellen, lautet daher: Die Analyse der Sprache und des Inhalts der von Msgr. Viganò in den Jahren 2020/2021 veröffentlichten Texte zeigen einen anderen Autor als in den Jahren 2018/2019. Wenn aber Msgr. Viganò nicht der Autor seiner Schriften ist, wer ist im Wort und vielleicht auch im Denken an seine Stelle getreten?

Wir hätten diese Causa nie eröffnet, wenn nicht so viele gute Traditionalisten die Erklärungen, nicht von Msgr. Viganò, sondern seines „Doppelgängers“ wie ein Quasi-Lehramt präsentieren würden. Eine Klärung ist notwendig zum Wohl der Kirche und der Seelen, die in Msgr. Carlo Maria Viganò einen Bezugspunkt haben, aber auch im Interesse des Erzbischofs, der der Kirche so gute Dienste geleistet hat und ihr weiterhin dienen kann.

P. S.: Msgr. Carlo Maria Viganò wurde bereits seit über einem Jahr von mehreren Personen privat auf dieses Problem hingewiesen.

*Roberto de Mattei, Historiker, Vater von fünf Kindern, Professor für Neuere Geschichte und Geschichte des Christentums an der Europäischen Universität Rom, Vorsitzender der Stiftung Lepanto, Autor zahlreicher Bücher, zuletzt in deutscher Übersetzung: Verteidigung der Tradition: Die unüberwindbare Wahrheit Christi, mit einem Vorwort von Martin Mosebach, Altötting 2017 und Das Zweite Vatikanische Konzil. Eine bislang ungeschriebene Geschichte, 2. erw. Ausgabe, Bobingen 2011.

Die Antwort von Erzbischof Carlo Maria Viganò.

Einleitung/Übersetzung: Giuseppe Nardi
Bild: Corrispondenza Romana